Leseprobe NaNoWriMo 2017

Die große Wagnersause — Dienstagabend

Wolfram von Eschenbach, nachts oder frühmorgens, tritt nach draußen auf den Söller, ganz weinselig.

»Ach, du mein lieber, guter alter Abendstern.«

So seufzt er beinahe heiter, aber dann denkt er plötzlich an die tote Elisabeth, und wie das so ist, wenn man betrunken ist: da kippt die Stimmung ganz rasch.

Auch der Tannhäuser tritt auf den Balkon hinaus, und auch er ist in so einer Stimmung, gerade richtig für diese Szene: als hätte er es geahnt, dass die Szene käme.

Wolfi schaut in den Nachthimmel hinauf, und der selige Peter schaut herab auf die beiden, und aus dem Sternenzelt heraus sinnt er in Worten aus Licht:

»Das Leben des Minnedienenden ist ein Leben des Hoffens und Sehnens, des Wünschens und Verlangens, dem keine Erfüllung werden darf: denn Erfüllung wäre das Ende. Gehen um des Weges, nicht um des Zieles willen, leben um der Mühsal, nicht des Erfolges willen: weil das Verlangen und Wünschen uns weitertreibt. Erfüllung ist Stillstand.«

»Oh ja, das ist schön«, findet Wolfi, »und es ist wahr. Und jeder, der Augen danach hat und weiß, der sieht sofort: ah ja, wie schön. Und die es nicht wissen, verpassen halt was.«

Wolfi hält sich also weiter an seinem Credo fest, das die Sterne ihm nach jeder Anrufung zurückflüstern.

»Denn das ist das, was wir machen, Heinrich. Weil wir uns irgendwann dafür entschieden haben, und alles stand schon damals so festgeschrieben, dass es so sein muss.«

»Ja, aber vielleicht sind wir nicht festgeschrieben. Man könnte sich ja ändern. Das, was wir wollen, kann sich ändern.«

»Soll es aber nicht.«

Ach, Wolfi wieder: als wüsste der nicht genau, wo das alles landet, was er nicht haben kann. Auch Heinrich ist nicht überzeugt.

»Warum sollte ich überhaupt etwas suchen, wenn ich schon weiß, ich will es dann nicht haben?«

»Weil es nicht ums Haben geht«, erklärte Wolfi. »Meine Fresse, das habe ich doch oben gerade erklärt. Oder nicht ich, sondern in den Sternen hat es gestanden, ja, und außerdem geht es ja nicht einmal um das Habenwollen, sondern um das Nichthabenkönnen.«

»Und wo ist da der Witz?« will Heinrich wissen.

»Der Witz besteht darin, dass es einzig um die Suche geht, um das Wünschen selbst.«

»Ja, aber wozu?«

»Weil die Erfüllung das Ende ist. Das Ende von allem.«

»Und der Anfang von etwas Neuem?« schlägt Heinrich vor.

»Nein, von nichts Neuem«, beharrt Wolfi. »Nur vom Ende.«

Pause und Blick.

»Und das weißt du besser als ich, möchte ich meinen.«

Wieder Pause. Kein Blick. Höchstens in die fernen Alpen, oder doch in die Richtung, da man sie vermutet.

»Aber das ist doch Quatsch«, hält der Tannhäuser ihm nun vor. »Ich meine jetzt praktisch. Wie hältst du denn das aus?«

Wolfi denkt einen Moment nach, aber nur wegen der so entstehenden Kunstpause: In Wahrheit weiß er natürlich schon von Seite eins an, was er hier und jetzt sagen wird.

»Vielleicht kann ich so gut damit leben, weil ich dich hab: jemanden, der mir vorhält und vorlebt, wie es anders wäre. Und dass es anders eben auch nicht geht. Du lebst das Leid, das ich mir erspare, und dafür brauche ich dich.«

Na bestens. Kann mal jemand in Wolfis Tasche gucken, ob da nicht ein Loch drin steckt? Was der sich da dieser Tage schon reingelogen hat, das müsste doch lange oben herausquellen.

In der Tasche steckt aber nur ein schmales Wapnewski-Bändchen: der hippokratische Eid des Minnesängers.

Recherche zu mittelalterlichen Stadtgründungen

Gut, wir nehmen jetzt einmal das Beispiel Rothenburg her. Da geht ein Adliger hin und gründet eine Pfarrei, so fängt es an. Was auch immer der damit will, aber er möchte vielleicht seine eigene Kirche haben. Hm ja, es fängt nämlich überhaupt damit an, dass ich Städtegründungen nicht verstehe, will sagen die Motive dafür. Ich kann verstehen, wenn da eine Burg ist und umzu ein paar Ansiedlungen sind, ja: die so für die Versorgung sorgen. Aber eine Stadt?

Nun gut, also er gründet eine Pfarrei, dieser Adlige, er hieß übrigens Reiniger. Der Tatortreiniger, nun ja. Ah, und da kommt auch schon die Burg — jetzt bin ich wieder im Spiel. Die Comburg bei Schwäbisch Hall und die Grafenburg auf dem Essigkrug. Gleich zwei Burgen sogar. Na, das hätte jetzt auch nicht nötig getan. Vor allem muss ja auch noch mindestens eine dritte kommen, nämlich die Rothenburg. Aber hören wir weiter.

Vergessen ist der adlige Reiniger, denn jetzt gehört alles der Grafenfamilie Comburg-Rothenburg. Nun gut, das mögen jetzt Nachfahren sein, die — und das mag überraschen — noch sechs weitere Städte mit dem Namen Rothenburg gegründet haben. Scheint so ein Hobby zu sein von denen. Wenn man einmal anfängt mit dem Städtegründen. Dann kommt auch immer: Teile deine Stadt auf Facebook! Ein Klick, und befreundete Grafenfamilien erblassen vor Neid, wenn die Comburger schon wieder ein neues Rothenburg aus dem Boden gestampft haben. Das ist ja bei dem Computerspiel »Anno Kuckucksuhr — Ich bau eine Stadt« nicht anders.

Vier Rothenburgen sind heute in Deutschland, eine in der Schweiz und eine in Polen. Das ist sinnigerweise Rothenburg an der Oder oder auch Czierwieńsk.

Jetzt wollen sicher manche wissen: Ja wie nun, und etwa Rotenburg an der Wümme? Aber nein. Das wurde von Rudolf von Verden gegründet, und zwar 1195. Da waren die Comburger schon lange unter den Radieschen.

1116 nämlich starb die Familie aus. Der Letzte vermachte die Burg (Burg? Welche denn jetzt? Schwäbisch Hall wäre in der Gegend, aber die Grafenburg auf dem Essigkrug ist doch wohl die Gemeinte) — eh, also die Burg dem Kloster Comburg. Wie der Name andeutet, war das Kloster wahrscheinlich auch eine Erfindung der Grafenfamilie. Also jetzt keine Erfindung in dem Sinne, dass es nicht existiert hätte, bewahre. Ich meinte auch eher Gründung. So, und dann kommt ein Absatz über den Rintfleischpogrom und die Geschichte der Juden in Rothenburg, gefolgt von dem kryptischen Satz: Heinrich V., der diese Schenkung nicht bestätigte, gab den Besitz an seinen Neffen Konrad 3 als Lehen. Ich nehme jetzt an, das bezieht sich auf den Absatz, von dem wir vordem sprachen, und die Rintfleischgeschichte wurde später eingeschoben, ohne die Schnittkanten ordentlich zu vernähen.

Heinrich V. also, der anscheinend Vollmacht hatte (wir reden hier vom Kaiser Heinrich), gab das fremde Gütchen mit kühlem Mütchen an seinen Sohn weiter. Will sagen: Alles, was ohne Nachkommen unten als Erbmasse rausfällt, fällt automatisch dem Kaiser zu, ist doch nur fair. Wer hat denn die ganze Arbeit hier, na eben.

Konrad jetzt, der Dritte, wie wir schon hörten — und Achtung: jetzt wird es interessant für die mittelalterlichen Städtefanatiker. Er also wurde 1137 König, besah sich das beschauliche und schöne Rothenburg und sagte: »Au ja! Hier halte ich Hof und errichte die Reichsburg auf der Fläche des heutigen Burggartens.« Also nein, er sagte nicht heutigen, das wäre ja Quatsch. Er natürlich sagte: »des späteren Burggartens«, weil er ahnte, wie alles kommen würde.

Dann kommt ein Ritterschlag, aber den überspringen wir und landen sanft am 15. Mai 1274, denn da wird Rothenburg — tadaaa! — zur Reichsstadt erhoben. Und zwar durch — noch mal tadaaa! — König Rudolf von Habsburg. Applaus für den König. Tja, aber warum der das tat, das steht da nicht, und auch nicht, wie es kam, und dann passiert nichts Interessantes mehr.

Das war die Geschichte der mittelalterlichen Stadt Rothenburg ob der Tauber. Im Anschluss bitten wir zu einem kleinen Umtrunk in den heutigen Burggarten. Den ehemals späteren.